Quelle:
Artikel im Weilheimer Tagblatt,
Lokalteil des Münchner Merkur, v. 21.06.02
Redakteur: G. Turba

Informativ und kurzweilig
Diskussion im Haus der Begegnung über "Zuwanderung"


Weilheim - "Zuwanderung - Fluch oder Chance?": Wenn diese Frage, wie am Mittwochabend im Weilheimer "Haus der Begegnung", vom "Runden Tisch gegen rechte Gewalt für ein weltoffenes Weilheim" gestellt wird, kann sie nur eine rhetorische sein. Dass die von Grünen-Stadtrat Alfred Honisch moderierte Podiumsdiskussion, Auftaktveranstaltung für die zweite Auflage des "deutsch ausländischen Freundschaftsfestes" am morgigen Samstag in der Fußgängerzone, gleichwohl informativ und kurzweilig geriet, lag an kompetenten, sich kurz fassenden Referenten ebenso wie an einem etwa 50-köpfigen Publikum, das heikle Seiten des Phänomens nicht ausklammerte.
  Christliche Leitkultur
 
"Aus der Sicht der Zuwanderer" näherte sich Dr. Norma Matterei von der Akademie der Nationen der Münchener Caritas dem Thema und verwies auf auf "den Kulturschock", der sich bei der Konfrontation mit der neuen Umgebung einstelle. "Offenheit und Interesse", im Idealfall von Zuwanderern wie von Deutschen an den Tag gelegt, könne dem entgegenwirken. Pfarrer Thomas Prieto Peral vom Landeskirchenamt Bayern - mit einer Spanierin verheiratet und nach eigenem Bekunden von der "binationalen Ehe" profitierend - sah in der Zuwanderung "eine ethische Aufgabe". Die das Abendland prägende jüdisch-christliche Leitkultur verlange von einer gerechten Gesellschaft, "dass auch denen, die kein Recht haben, zu Recht verholfen wird". Freilich müsse die Zuwanderung, solle sie tatsächlich eine Chance sein, "bewusst gestaltet werden". Laut Dieter Tausend vom Unternehmerkreis Weilheim-Peißenberg, Personalleiter dreier Agfa-Werke, ist die "ökonomisch gewollte Zuwanderung" bislang "ganz gut" gelungen; er hege jedoch Befürchtungen, dass "wir einem weiteren Ansturm ausländischer Arbeitnehmer nicht gewachsen sind." Auf jeden Fall sei das Erlernen der deutschen Sprache "von elementarer Bedeutung".
  "Deutsche Lebenslüge"
 
Prieto Peral pflichtete bei. Er kenne Griechen, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebten, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen - "eine misslungene Integration", die zur Ghettoisierung führe. Eine im hiesigen Spätaussiedler-Heim ehrenamtliche Arbeit leistende Zuhörerin beklagte, dass die Betreffenden oft "gar keine Möglichkeit haben, Deutsch zu lernen", weil sie häufig als Hilfskräfte an ausländische Unternehmen verliehen würden. Gegen eine Beurteilung der Zuwanderer allein nach dem Kriterium der Nützlichkeit wandte sich Weilheims ehemaliger KAB-Vorsitzender Ernst Olbrich: "Die dauernde Frage ,Was bringen sie uns?" ist unchristlich."
Zu Wort meldete sich auch ein Besucher, der sich als "entschiedenen Zuwanderungsgegner" vorstellte. Angesichts der erweiterten EU mit durchlässigen Grenzen sei weiterer Zuzug "verderblich für unseren Staat". Die Integration bezeichnete er als "deutsche Lebenslüge": Man dürfe nicht dem Trugschluss aufsitzen, "dass wir, nach dem überstandenen Dritten Reich, jetzt alles in jüdisch-christlicher Manier lösen können". Ein anderer machte sich darüber Sorgen, "ob muslimische Zuwanderer auch wirklich integrationswillig sind" - und verlas für Westeuropäer befremdliche Koran-Zitate. Das wiederum befremdete Dr. Apostolos Kyriatsoulis von der griechischen Gemeinde. "Man kann nicht Stellen des Koran aus dem Zusammenhang reißen und damit Politik machen", sagte er unter dem Beifall des Auditoriums. Auch Pfarrer Robert Maier fand es "gefährlich, die Integrationsdiskussion auf eine religiöse Ebene zu heben" und allen Muslimen Gehorsam gegeüber einem radikalen Islam zu unterstellen.    Gerhard Turba 


====== Ende des Artikels ==========

Lesen Sie auch:

zurück zur Einstiegsseite!